Montag, 22. September 2008
21. September - Sonntagskind
Gerhard wurde an einem Sonntag geboren. Die Hebamme war wütend, weil er ihr den guten Sonntagsbraten, das leckere Kaffeetrinken am Nachmittag und sogar noch das Abendbrot vermieste. Die Wehen dauerten ewig und jedesmal, wenn die Hebamme Hedwig sich gerade verabschiedet hatte, weil es noch eine Weile dauern würde bis es richtig losging und weil sie endlich an ihren Mittagstisch, Kaffeetisch, Abendbrottisch zurückkehren wollte, da machte Gerhard schon wieder derartige Anstalten nun endlich doch herausgepresst werden zu wollen, dass seine Mutter schrie und sein Vater rannte, um Hedwig zu holen.

Hedwig kam jedesmal kauend an die Tür als Gerhards Vater wieder läutete. Er völllig aufgelöst. Außer Atem. Weiß im Gesicht mit roten Flecken. Kaum fähig ein vernünftiges Wort herauszubringen. Es war sein erstes Kind, die erste Geburt, die er miterlebte und er litt mit seiner Frau. Die krümmte sich und schrie, wollte das Kind endlich da heraus haben aus dem Bauch. Und Gerhard schien ja auch zu wollen. Aber dann auch wieder nicht. Vielleicht war ihm auch nur Hedwig nicht angenehm. Denn kaum hatte sie nach dem voraneilenden Vater das Haus betreten, hielt Gerhard plötzlich still. Versuchte sich im Uterus seiner Mutter zu verkriechen.

Das war doch nur Spaß, das war doch nicht Ernst gemeint. Da raus auf diese Welt? Hervorgepresst und herausgezerrt in Hedwigs Arme? Das konnte niemals der Ernst seiner Mutter sein. Wie schön war es da doch im gluckernden, wunderbaren Bauch. Jederzeit versorgt, aufgehoben und sicher. Nur sehr eng derweil. Das musste Gerhard doch zugeben. Und er wollte ja, wollte ja endlich hier heraus und kennenlernen, was er nur von innen spürte. Seine Mama hatte ihm so viel erzählt, sein Papa so viel versprochen. Aber dann Hedwig. Die Schritte donnernd, die Stimme irgendwie rauh und herrisch. Sie schimpfte mit Mama und schimpfte mit Papa. Wie konnte Gerhard da hervorkommen wollen? Ach welche Erleichterung als diese Person wieder hinausgestampft war, sich Stille ausbreitete.

Vielleicht sollte er es doch noch einmal versuchen. Auch wenn Mama sich wand vor Schmerzen. Er konnte das nun wirklich nicht ändern. Wieder schrumpfen, sich in Luft auflösen. Als sei es nicht schon anstrengend genug und beklemmend genug und da klingelte die Nachbarin. Eine liebe Frau, sehr erfahren und auch sie konnte Hedwig nicht leiden, was Gerhard sehr vernünftig fand. Mit leisen Schritten kam sie herein, die Stimme eine Wohltat. So voller Freude und Liebe. Sanfte, kühle Hände hatte sie. Legte sie auf Mamas Stirn, beruhigte sie, half ihr und plötzlich mochte Gerhard nicht mehr länger warten. In ihre Welt wollte er gerne kommen und so wurde Gerhard an einem Sonntag geboren. Eine Viertelstunde vor Mitternacht. Und anstatt zu schreien lachte er. Ein Sonntagskind eben. September

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20. September - Synchronizitäten
Wissen Sie was eine Synchronizität ist? Vor allem unheimlich. Ehrlich gesagt weniger die Synchronizitäten, die ich selbst erlebte, sondern die, deren Werkzeug ich wurde.

Nun gut, beginnen wir von vorn. Jeder kennt dieses Phänomen, ein Beispiel: Sie haben sich von Ihrem Partner getrennt. Nach einer Trauerphase steht dann die Suche eines neuen Partners an. Garantiert in dem Augenblick, wo Sie innerlich bereit sind, werden Sie genau den Richtigen treffen. Sie wünschen sich einen neuen Job (und glauben auch daran einen zu finden), schwupps, werden Ihnen die Gelegenheiten über den Weg laufen.

Alles Synchronizitäten: Ereignisse, die keinen kausalen Zusammenhang besitzen, aber sinnhaft miteinander verbunden erscheinen.

Merkwürdiger ist folgendes: Sie bringen Ihrer besten Freundin, die Sie lange nicht getroffen haben, das erste Mal im Leben aus einer spontanen Eingebung ein kleines Geschenk mit. In Ihren Augen ein völlig belangloses Geschenk. Sie packt es aus und ist völlig verzückt, weil es gerade zu dem passt, was sie soeben beschlossen hat in ihrem Leben zu ändern.

Nur ein Zufall oder doch mehr? Vielleicht der Ausdruck einer Verbundenheit, die sich schwer erklären oder fassen lässt. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Warum einen Zettel dranhängen? Ich erlebe und staune lieber. September

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19. September - Grafen
Der Telegraf ist seit langer Zeit arbeitslos. Niemand mehr benötigt ihn, der früher einmal Telegramme mittels eines Morsealphabets durch einen dünnen Draht über weite Strecken übermitteln konnte.

Im Grunde war nur seine Fähigkeit gefragt gesprochenes Wort in Striche und Punkte und Punkte und Striche zu übersetzen und natürlich rasend schnell mit den Fingern die langen und kurzen Signale Dit Dit Dit Dah Dah Dah zu tippen oder die auf dem Kopfhörer ankommenden Signale zu verstehen und für den Empfänger in Buchstaben zu verwandeln. Verschwiegen musste er natürlich sein, ein Geheimnis zu bewahren wissen. Denn nicht alle Nachrichten, die durch Punkte und Striche übermittelt wurden, waren für jedermanns Ohren bestimmt.

Auch der Stenograf ist heute so ziemlich ausgestorben. Manchmal noch ersetzt durch eine Stenografin. Aber so häufig wohl nicht mehr benötigt, in den meisten Fällen wird einfach eine Tonaufzeichnung benutzt, die derzeit noch eine Schreibkraft abtippen darf, demnächst aber wohl direkt der Computer verstehen und in eine Textdatei verwandeln soll. Natürlich gibt es entsprechende Programme bereits, aber zum Glück für alle Sekretärinnen und Assistentinnen, funktionieren diese noch nicht so besonders gut. Es hat ziemlich viele Grafen erwischt, seit der französischen Revolution. Aber den Fotografen gibt es noch. Auch den Lithografen hier und da. Ein Hoch auf unsern Adel! September

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